Galerie Hungertücher Misereor

Hungertuch aus Indien (1976 - Jyoti Sahi). Auf den ersten Blick erscheint das Hungertuch fremd und verwirrend. Hier werden traditionelle indische Symbole und Vorstellungen mit dem Leiden Christi in Zusammenhang gebracht. Es soll helfen, unsere Angst vor dem Verzicht zu verlieren im Glauben an den, der durch Verzicht und Tod der Welt Hoffnung gegeben hat. Das Hungertuch will in seinen Farben und Bildern zu uns sprechen. Erklärnde Texte reichen nicht, um es in seiner Fülle und Tiefe zu erfassen. Hungertuch aus Äthiopien (1978 - Alemayehu Bizuneh). Meditieren heißt in die Mitte gehen. Bei der Betrachtung des Hungertuches ist dies zuerst einmal ganz wörtlich gemeint. Die Bilderfolge beginnt oben links und führt spriralförmig auf die Mitte zu. So wie der Aufbau ist auch der Inhalt der Bilder. Erzählt werden Ereignisse aus der Heilsgeschichte. Etwas vom dramatischen Geschehen zwischen Gott und den Menschen wird spürbar. Und diese Geschichte geht einer Mitte zu, dem leidenden Christus entgegen. ER ist eingetreten in unsere Geschichte. Nicht irgendwo, sondern an der Seite der Kleinen, der Verfolgten, der Geschlagenen. Das ist die Mitte. Und diese ist von Beginn an da. Das Blut des Herrn durchströmt, durchpulst das ganze Bild, holt alles und führt es hin zum Kreuz, zum neuene Leben. Hungertuch aus dem Mittelalter (1980). Mit einem mittelalterlichen Meditationsbild als Hungertuch weist MISEREOR auf die christlich-abendländischen Quellen seines weltweiten Wirkens hin. Es zeigt anschaulich, warum Christen gegen Not und Elend in der Welt ankämpfen, warum sie helfen wollen: Weil Jesus sich mit den Ärmsten identifiziert (Wiederkunft Christi zum Weltgericht nach Mt 25,31-46). Nur wo die innere Einheit von Glaube und sozialem Engagement gesehen wird, wird unser Glaube lebendig. Die Sorge um den Menschen hat eine christologische Dimension. Hungertuch aus Haiti (1982 - Jacques Chéry). Das Hungertuch besticht durch die Frische der Farben und die Vielfalt der Formen und Gestalten. Als gläubiger Christ mit der heiligen Schrift wohl vertraut hat der Künstler die Welt der Bibel gemalt, es aber gleichzeitig verstanden, unsere heutige Welt und ihre Probleme aus der Sicht des christlichen Glaubens zu deuten. Helles und Dunkles ist auf dem Hungertuch-Bild zu entdecken, die Finsternis menschlicher Bosheit genau so wie die helle Freude an der menschlichen Gemeinschaft. Mittendrin sehen wir Jesus, an einem Kreuzesbaum hängen, dessen Wurzeln in das dunkle Blau der 'Sintflut' hinabreichen und dessen Äste mit den prallvollen Früchten den Regenbogen streifen als Hinweis auf das Leiden und Sterben des Herrn, der alle menschliche Schuld auf sich nahm und uns so das Ja Gottes zum Leben der Menschen und zur ganzen Schöpfung schenkte. Leben - Wasser und Licht (1984 - Jyoti Sahi). Der Künstler verbindet mit den Motiven des Hungertuches die konkrete Realität der indischen Gesellschaft. Er zeigt vor allem die Armen und Verstoßenen seines Landes. Die Realität von Leben, Wasser und Licht wird für ihn aber gleichzeitig zum Hinweis auf eine dahinterstehende Wirklichkeit der lebensspendenden und lebenserhaltenden Existenz des Göttlichen. Als Christ zeigt dann der Künstler die Offenbarung Gottes in Jesus Christus als Höhepunkt menschlicher Existenz und der Heilsverheißung für das Leben in Fülle. Hungertuch aus Peru (1986). Die Bilder des Hungertuches wurden von Frauen und Männern aus Santiago de Pupuja gemalt, einem Dorf in den Südanden Perus. Sie sind das sichtbare Ergebnis der gemeinsamen Reflexion für das Jahresthema 1985/86, das sich die Frauen und Männer selbst erarbeitet haben: Chirstianokuna Nampi Kanchis (Als Christen auf dem Weg). Und für uns, die Glaubenbrüder und -schwestern im fernen Europa, eine glaubwürdige und authentische Botschaft, die uns auffordert zu überlegen, was es für uns bedeutet, als Volk Gottes auf dem Weg zu sein. Hungertuch aus Kamerun (1988 - René Tchebetchou). Zentrales Thema sind die Vater-unser-Bitten. Gott als Immanuel (d.h. Gott mit uns) begleitet die Afrikaner in ihrem täglichen Leben: von der schweren Last der Existenzsicherung über Fest und Tanz bis zum Höhepunkt der Mahlgemeinschaft. Das Hungertuch aus Kamerun will einen Einblick geben in das alltägliche Leben auf dem Lande. Es ist geprägt von einem ureigenen Verständnis von Gott, Mensch und Welt. Die Art der Afrikaner, ihr Leben in der Gemeinschaft zu bewältigen sowie die wachsenden Gefährdungen von außen sind Anstoß für uns, unser eigenes Leben und unseren Glauben zu überdenken. Biblische Frauengestalten - Wegweiser zum Reich Gottes (1990 - Lucy D'Souza). Als Glaubende sind wir herausgefordert, zu entdecken, welche Würde und Berufung den Frauen von Gott geschenkt ist und wie ein erlöstes Verhältnis zwischen Frauen und Männern aussieht. Die Bilder des Hungertuches zeigen biblische Frauengestalten, deren vielfältige Gotteserfahrung für unser aller Leben und für die heutige Zeit Frohe Botschaft sein kann. Ein neuer Himmel und eine neue Erde (1992 - Adolfo Pérez Esquivel). In der Bilderwelt des Hungertuches aus Lateinamerika treten die Vertreter der lateinamerikanischen Völker und ihrer Kirchen vor unsere Augen. Sie verweisen uns auf die vielfältigen Probleme in Geschichte und Gegenwart, zeigen aber auch den menschlichen und kulturellen Reichtum dieses Subkontinents. Mitten unter den Straßenkindern, Indianerinnen, Bischöfen, Landarbeitern, Ordensfrauen und Indios steht Chritus, der Auferstandene. Er ist den Weg des Leidens mit den Beladenen gegangen. Jetzt bekennt er sich als Auferstandener zu ihnen, den Ermordeten, Totgeschlagenen, Entführten, Verachteten, der Subversion bezichtigten, weil sie ihr Leben geopfert haben an Gottes Liebe und im Dienst an den Armen. Gott begegnen im Fremden (1994 - Azariah Mbatha). Das zentrale Thema des Hungertuches lautet: Gott begegnen im Fremden. Schon im Alten Testament klärt das 'Heiligkeitsgesetz' die rechtliche Stellung der Fremden 'Liebe die Fremden wie dich selbst' (Lev 19,34). Die Lebensbereiche 'Fremdling und Gastfreundschaft' sind mit ihrer christologischen und heilsgeschichtlichen Dimension zentraler Bestandteil der biblischen Botschaft des Alten und Neuen Testaments. Die Bilder des Hungertuches zeigen solche biblischen Szenen, verwoben mit der konkreten Situation der Menschen in Afrika und bei uns in Deutschland. So können die Aussagen des Hungertuches in vielfältiger Form für uns Wegweiser sein. Hoffnung den Ausgegrenzten (1996 - Sieger Köder). Die Befriedigung der Grundbedürfnisse gehört zu den elementaren Menschenrechten. Gemeint ist das Recht auf Nahrung, auf sauberes Wasser, auf menschenwürdiges Wohnen, auf Gesundheit, auf angemessene Bildung und Arbeit. Die Sorge um die Einhaltung dieser Grundbedürfnisse ist gleichzeitig Auftrag von MISEREOR. Die Bildmotive des Hungertuches verweisen auf diesen Grundauftrag. Als Fastenaktion der deutschen Katholiken soll das Werk Zeugnis geben von der Liebe Christi und das ganze Volk Gotes dazu einladen, teilzunehmen an der Sorge Jesu um die Armen und Ausgegrenzten. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit (1998). Im Mittelpunkt des Hungertuches steht ein spätmittelalterliches Meditationsbild aus dem Umfeld des Hl. Nikolaus von Flüe. Mittelpunkt des Bildes ist Christus, umgeben von hellen Strahlen, die auf ihn hinweisen oder von ihm ausgehen. Von IHM wird alle zusammengehalten; von IHM geht alles aus, auf IHN läuft alles zu. In den Medaillons des alten Meditationsbildes weisen Symbole hin auf die Werke der Barmherzigkeit der christlichen Tradition. Die neuen Bilder schreiben die Dynamik in unsere Gegenwart hinein weiter. Diese Bilder stehen für die Taten der Gerechtigkeit. Ein Jahr das Gott gefällt - Neubeginn und Befreiung (2000 - Suryo Indratno). Suryo Indratno aus Java möchte Anwalt der Kleinen und Unterdrückten sein. Er will die Not des Volkes ins Bewusstsein rufen, aber auch der Hoffnung ein Gesicht geben. Ausgehend vom Schöpfergott gestaltete er im Uhrzeigersinn eine immer enger zulaufende Spirale. Diese Bewegung symbolisiert den pulsierenden Rhythmus des Lebens und der Schöpfung. Sie mündet ein in das zentrale Symbol des javanischen 'Berg-Baumes', ein kosmisches Bild für die Harmonie zwischen allem, was lebt. Augen-Blicke des Friedens (2002 - El Loko). 36 Gesichter schauen uns an. Ein helles Rot, erdiges Ocker, Schwarz und Ultramarinblau leuchten uns entgegen. Es sind die Farben der Menschen dieser Welt. Auf diesem Hungertuch ist die Welt wie ein aus Menschengesichtern gewobener Teppich. allen Gesichtern auf dem Tuch sind Zeichen eingeprägt: Der Dreizack der Gewalt, die Krone der Weisheit, Eidechsen, Buchstaben, Blumen, die aus Mündern erblühen. In diesen Gesichtern sind nicht nur die Menschen und ihre Vergangenheit da. Die ganze Schöpfung ist symbolisch präsent und mit den Menschen verwoben. Zusammengehalten wir die Komposition durch ein tiefblaues Kreuz, das sich schräg nach oben hin aufrichtet, manche Gesichter in sich aufnimmt. Im Zentrum des Bildes ruht die Friedenstaube. Brot und Rosen - unser tägliches Brot gib uns Heute (2004). Ein leuchtendes Rot strahlt uns entgegen. Die Farbe, die in allen Kulturen und zu allen Zeiten das Leben sybolisierte. Das farbenfrohe Bild scheint zunächst im Widerspruch zu stehen zu dem erschreckenden Zustand von weltweit über 800 Millionen hungernden Menschen, auf die dieses Tuch aufmerksam machen möchte. Sieben Lateinamerikanerinnen, die wegen Drogenkurierdiensten bis zu vier Jahren inhaftiert waren, erarbeiteten in einem dreimonatigen Prozess das Thema: Unser tägliches Brot gib uns heute. Frau sein - Mann sein - ein neuer Mensch werden (2006 - Amouzou Amouzou-Glikpa, Resi Borgmeier). Ein neuer Mensch werden - Das Hungertuch der Aktion 2006 von Fastenopfer - Brot für alle - Partner sein lebt von seinen warmen Farben, von harmonischen Formen und Gestalten in Pastell. Der Titel lautet: 'Frau sein - Mann sein - ein neuer Mensch werden'. Menschliche Erfahrungen können in der Sicht des Betrachters mit biblischen Motiven verbunden werden. Das Bild zeigt eine Vision vom Zusammenleben der Kulturen, Geschlechter und Generationen. Damit soll die biblische Überzeugung ausgedrückt werden, dass alle Menschen in Würde und gegenseitigem Respekt zusammenleben können. Selig seid ihr ... (2007 - Li Jinyuan). Das Hungertuch leuchtet in kraftvollem Gelb und Orange, warmes Ocker und Rot heben sich von ernstem Schwarz und Grau ab. Das Kreus aus Licht, das sich nach oben zum Himmel hin immer weiter öffnet, findet sein Zentrum in Jesus Christus. Menschen drängen sich um ihn, der sie direkt anspricht: 'Selig seid ihr, ihr seit gemeint!' Die Körper der Menschen nehmen in ihrer Eckigkeit die Felsformationen des Berges auf: Mit all ihren Ecken und Kanten sind sie unterwegs. Der Berg ist der Ort, an dem Jesus den Menschen seine Liebe zuteil werden lässt. Gottes Schöpfung bewahren - damit alle leben können (2009 - Tony Nwachukwu). Der globale Klimawandel ist bereits Realität. Wir spüren seine Auswirkungen buchstäblich am eigenen Leib: Hitze und Dürre, Stürme und Starkniederschläge, Gletscherrückgang und Überschwemmungen, Ernteausfälle und Ausbreitung von Krankheiten. Als diejenigen, denen die Schöpfung als Leihgabe von Gott anvertraut worden ist, tragen wir Menschen Verantwortung für sie. Das Misereor-Hungertuch 2009 lädt sie ein, sich während der Zeit des Fastens und der Besinnung zwischen Aschermittwoch und Ostern mit dieser Verantwortung auseinander zusetzen.